
Warum prallen Babyboomer und Millennials so oft aufeinander? Weshalb scheinen Krisen, Umbrüche und kulturelle Revolutionen in regelmäßigen Abständen aufzutreten? Die Strauss-Howe Generational Theory liefert darauf eine ebenso provokante wie faszinierende Antwort:
Geschichte verläuft nicht linear, sondern zyklisch – getrieben von Generationen.
— Neil Howe, 2017
Die US-Historiker William Strauss und Neil Howe entwickelten in den 1990er-Jahren ein Modell, das westliche Geschichte als wiederkehrenden Generationenzyklus beschreibt. Ihr Ansatz wird bis heute in Soziologie, Politik, Marketing und Zukunftsforschung diskutiert – und zunehmend ernst genommen.
Was ist die Strauss-Howe Generational Theory?
Die Strauss-Howe Generational Theory besagt, dass sich die Geschichte etwa alle 80–90 Jahre wiederholt – eine Zeitspanne, die sie ein „Saeculum“ nennen. Innerhalb dieses Zyklus durchläuft die Gesellschaft vier wiederkehrende Phasen, die sogenannten Turnings.
„History is seasonal, and winter is coming.“
— Neil Howe, 2017
Jede Phase bringt einen bestimmten Generationstyp hervor, der durch gemeinsame Erfahrungen, Werte und Verhaltensmuster geprägt wird.
Die vier Turnings: Der Motor des Generationenzyklus
1. High – Stabilität und Optimismus
Nach einer großen Krise folgt eine Phase des Aufbaus. Institutionen sind stark, Gemeinschaft zählt mehr als Individualismus.
Beispiel: Die Nachkriegszeit nach 1945.
2. Awakening – Erwachen und Rebellion
Eine neue Generation stellt bestehende Werte infrage. Spiritualität, Selbstverwirklichung und Protest gewinnen an Bedeutung.
Beispiel: 1960er-Jahre, Studentenbewegung, Bürgerrechte.
3. Unraveling – Zerfall und Polarisierung
Institutionen verlieren an Vertrauen, Individualismus dominiert, Gesellschaften spalten sich.
Beispiel: 1980er–2000er, Kulturkämpfe, neoliberale Ära.
4. Crisis – Der Fourth Turning
Die gefährlichste Phase: massive Krisen erzwingen tiefgreifenden Wandel.
Beispiele: Weltkriege, Wirtschaftskrisen, systemische Umbrüche.
„A Fourth Turning is not a choice. It is a necessity.“
— William Strauss
Die vier Generationen-Archetypen
Jede Phase bringt einen bestimmten Generationencharakter hervor:
| Archetyp | Beschreibung | Beispiele |
|---|---|---|
| Prophet | Visionär, werteorientiert, moralisch | Babyboomer |
| Nomad | Pragmatiker, skeptisch, unabhängig | Generation X |
| Hero | Gemeinschaftlich, leistungsbereit | Millennials |
| Artist | Anpassungsfähig, sensibel | Generation Z |
Diese Archetypen wiederholen sich – nicht identisch, aber strukturell ähnlich.
Leben wir gerade im „Fourth Turning“?
Laut Neil Howe sind wir seit etwa 2008 erneut in einer Crisis-Phase. Finanzkrise, Pandemie, geopolitische Konflikte, Klimawandel und technologische Disruptionen sind keine Zufälle, sondern Symptome eines systemischen Umbruchs.
„The old order is dying, and a new one is struggling to be born.“
— Neil Howe
Wenn die Theorie stimmt, steuern wir auf eine Neugründung gesellschaftlicher Ordnung zu – mit neuen Institutionen, Machtverhältnissen und Werten.
Warum die Strauss-Howe Theory heute so relevant ist
Für Politik & Gesellschaft
Die Theorie hilft zu verstehen, warum politische Extreme, Polarisierung und Systemkritik zunehmen.
Für Wirtschaft & Marketing
Unternehmen nutzen sie, um Generationen besser anzusprechen, von Markenwerten bis Arbeitskultur.
Für Individuen
Sie bietet Orientierung in unsicheren Zeiten und erklärt, warum sich Wandel „unausweichlich“ anfühlt.
Kritik an der Strauss-Howe Generational Theory
Natürlich ist das Modell nicht unumstritten. Kritiker bemängeln:
- Vereinfachung komplexer Geschichte
- Fokus auf westliche Gesellschaften
- Gefahr der selbsterfüllenden Prophezeiung
Doch selbst Skeptiker gestehen zu: Als Deutungsrahmen ist die Theorie außergewöhnlich wirkungsvoll.
Fazit: Ein Muster, das zum Nachdenken zwingt
Die Strauss-Howe Generational Theory ist keine exakte Wissenschaft – aber sie ist ein kraftvolles Werkzeug, um Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukünfte zu verstehen.
„We do not repeat history, but we rhyme with it.“
— zugeschrieben Mark Twain, häufig von Strauss & Howe zitiert
Ob man an den Zyklus glaubt oder nicht: Die Frage bleibt nicht ob sich etwas grundlegend ändert, sondern was danach entsteht.




